Musik für die Seele – Der Komponist Jaime Zenamon im Interview

Inverview von Katharina Mannel mit Jaime Mirtenbaum Zenamon, Composer in Residence des Westfälischen Kulturvereins anlässlich der Sommerkonzerte „Sonho Brasileiro“ 2013 am Hellweg.

jaime-zenamonJaime Mirtenbaum Zenamon wurde in Bolivien geboren und ist in Brasilien aufgewachsen, er studierte Gitarre und Komposition in Europa und in verschiedenen Ländern Südamerikas, wo er unter anderem Schüler von Abel Carlevaro war. Verschlagen hat es ihn dann nach Berlin, wo er über zwanzig Jahre lebte bevor er wieder nach Brasilien zurückgekehrt ist. Seine Kompositionen tragen Namen wie „Berlin-(T)Rio“, „Reflexões“ oder „Hommage à Maurice Ravel“, sie sind Verschmelzungen europäischer und südamerikanischer Stilistik. In einem Interview sprach er über seine Inspiration, seine Wurzeln, seinen pädagogischen Auftrag und natürlich worauf er sich am meisten freut, wenn er für das Festival wieder nach Deutschland kommt.

1.  Hallo Herr Zenamon, um mit ihrer Biografie zu beginnen, was zog Sie, nachdem Sie in Brasilien aufgewachsen sind, nach Berlin, wo Sie immerhin zwei Jahrzehnte gelebt haben?

Zenamon: Insbesondere die Kultur, ich war immer sehr begeistert von der deutschen Kultur und Musik, außerdem habe ich eine Stelle als Lehrbeauftragter an der Hochschule der Künste und an der Pädagogischen Hochschule als Gitarrenlehrer und Musikpädagoge bekommen. Die Neue Musik der 70er Jahre hat mich auch sehr beeinflusst und ich habe immer davon geträumt in Berlin unter den ganzen internationalen Musikern zu sein und ein Teil dieser Stadt zu werden, dort zu spielen, zu schreiben und zu komponieren. Und es hat wunderbar geklappt, ich habe große und inspirierende Musiker kennengelernt, die bis heute meine Freunde sind, darunter auch Verleger aus Berlin, und irgendwie habe ich es geschafft mir dort eine zweite Familie und Heimat aufzubauen, nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. Ich habe unglaubliche Leute getroffen, habe sehr viel gelernt und bin im Nachhinein sehr dankbar für diese Zeit. Warum es dann wieder zurück nach Brasilien ging? Der erste Grund war meine jetzige Frau, sie ist Brasilianerin, und der zweite Grund war die Natur, sie hat mich schon immer fasziniert und sie ist in Brasilien eine ganz besondere.

2. Woher kommen die Inspirationen für Ihre Kompositionen?

Zenamon: Ich werde sehr von der Natur inspiriert, aber meistens sind es die Menschen selbst, die mich inspirieren. Freunde, allgemein von Frauen, sehr auch von Kindern und von Männern, trotz unserer instabilen Natur und Aggressivität. Ich glaube immer an den Menschen und bin der Überzeugung, dass Musik die Seele beruhigen kann. Das inspiriert mich auch vor allem Musiker zu sein und dafür zu komponieren. Außerdem sind Menschen die einzigen Kreaturen, die Musik verstehen, nicht wahr? Die Menschen gehen gerne ins Konzert, sie genießen die Musik, man wird geehrt und man wird bewundert. Ich glaube auch, dass man als Mensch eine große Verantwortung hat und dazu soll auch meine Kunst beitragen, eine Kunst inspiriert von dem Menschen für den Menschen.

3. In wie fern haben dabei Ihre Wurzeln in Bolivien und Brasilien Einfluss auf Ihre Kompositionen?

Zenamon: Sie haben sehr großen Einfluss im Rhythmus und in der Harmonie, das sind die beiden wichtigsten musikalischen Elemente, die ich auch sehr oft für meine Kompositionen gebrauche und benutze. Ich genieße und liebe die Musik der beiden Länder und es macht sehr viel Spaß, sie mit der europäischen Musik verschmelzen zu lassen. Ich versuche immer wieder eine neue musikalische Sprache zu entdecken und zu entwickeln, es ist nicht immer leicht, aber wenn es klappt, dann fühle ich mich wie im Himmel.

4. Wie lassen sich Ihrer Meinung nach südamerikanische und europäische Stilistik miteinander verbinden?

Zenamon: Heute ist es fast normal geworden alle musikalischen Stile zu verbinden, Südamerika, Europa, Asien und so weiter, ohne Probleme, man sollte es auch versuchen! Es macht sehr viel Spaß, mit diesen unterschiedlichen und diversen Elementen zu komponieren, man wird nicht immer zu einem Ergebnis kommen, aber wie zuvor schon gesagt, wenn es klappt und es funktioniert, ist es ein unbeschreibliches Gefühl. Vor vielen Jahren war das alles noch undenkbar und sehr schwierig, aber heute, durch das Internet und durch das Fernsehen, haben wir einen Zugriff auf die Musik der ganzen Welt innerhalb von Sekunden und ich lerne immer mehr damit zu arbeiten und genieße es sehr.

5. Welchen Stellenwert hat in Ihren Augen die Musik für die kulturelle Bildung von Kindern und das Verständnis verschiedener Kulturen untereinander?

Zenamon: Kinder sind die Zukunft, ich habe eine ganz große Liebe für die gute Naivität von Kindern, in ihren Augen kann die Bedeutung des Wortes „Frieden“ so einfach sein und es ist so leicht, sie mit wenig glücklich zu machen. So ist es auch mit der Musik, es ist schwer Musik für Kinder zu schreiben, denn entweder mögen sie es oder nicht. Es gibt kein Dazwischen und man muss so klar und deutlich wie möglich sein. Ich habe sehr viele Stücke für Kinder komponiert und habe auch sehr viel Erfolg damit gehabt. Gerade auch mit Stücken, die moderne Elemente wie zum Beispiel die Erzeugung von Geräuschen enthalten, viele dieser Stücke werden in Musikschulen auf der ganzen Welt unterrichtet und auch in vielen Wettbewerben als Fachstücke benutzt. Ich bin inzwischen selbst Großvater und versuche sehr die Seelen der Kleinen für die Musik und die Kunst zu öffnen, denn so werden sie, so zumindest meine Hoffnung, auch bessere Menschen und wir brauchen dringend Menschen, die mit einem offenen Herzen durch die Welt gehen und ich glaube, dass Musik genau das für das Verständnis der Kulturen untereinander leisten kann.

6. Zum Schluss noch eine Frage, was ist Ihr Lieblingsgericht und auf worauf freuen Sie sich am meisten in Deutschland?

Zenamon: Ich betrachte mich als „Gourmet“, ich mag ein bisschen von allem, aber in Deutschland freue ich mich vor allen auf das Brot, die Kartoffelpuffer, den Kuchen, Bratwürstchen, guten Wein, Bier und Pfannkuchen. In den letzten Jahren verzichte ich immer mehr auf das Essen von Fleisch, weil die Natur dadurch zu sehr zerstört wird. Aber vor allem freue ich mich auf meine deutschen Freunde, die Musik, die fantastischen kleinen Orte, das Bummeln durch die Straßen und die verschiedenen Kaffeehäuser, es gibt eine Reihe großartiger Dinge und wenn ich nicht in Deutschland bin, habe ich immer eine tiefe Sehnsucht danach. Heute habe ich hier in Brasilien und Deutschland eine große Familie, meine Vergangenheit und meine Zukunft liegen in beiden Ländern. Aber oftmals habe ich auch eine Sehnsucht nach der deutschen Technologie. Ich habe diesem Land viel zu verdanken, vor ca. 30 Jahren pflanzte ich einen Samen und heute kann ich die Früchte ernten, dafür bin ich unendlich dankbar.

Weitere Informationen und Pressekontakt:

 

Advertisements