Mechthild Borrmann signiert Buch

Tragisches Schicksal

Am vergangenen Mittwochabend zog die Bielefelder Autorin Mechthild Borrmann die Zuhörer in der Thomas-Valentin-Bücherei in ihren Bann: Der Geiger – Ilja Grenko – wird 1948 in Moskau verhaftet. Seine Geige, sein Zeitgefühl und seine Würde werden ihm genommen – für ihn all das, was das Leben ausmacht. Wie wenig es braucht, um einen Menschen zutiefst zu beschämen, zeigt Borrmann in einer Szene: Grenko werden neben seiner Freiheit auch vermeintliche Kleinigkeiten genommen: u. a. sein Gürtel.

Mechthild Borrmann signiert Buch
Mechthild Borrmann las aus ihrem Roman „Der Geiger“. Foto: Rita Maria Fust

Als er dann vorspielen soll, keimt Hoffnung in ihm auf: Endlich jemand, der seine Leidenschaft teilt und ihn als Geiger schätzt. Nun wird sich das Missverständnis seiner Verhaftung aufklären, glaubt der Grenko. Um jedoch Geige und Bogen halten zu können, muss er seine Hose loslassen. Sie rutscht ihm auf die Füße. Er steht würdelos mit beschmutzter Unterhose dar. Alle lachen.

Kino im Kopf

Die Bedrückung, die Scham und die Verlorenheit waren in der Alten Kapelle der Stadtbücherei zum Greifen nah. Borrmann gelingt es mit ruhigen und wenigen Worten einen ganzen Film im Kopf der Leser/Hörer ablaufen zu lassen. Es ist die Machtlosigkeit, die Hilflosigkeit gegenüber Stalin und seinem Regime, die Borrmann in Der Geiger aufarbeitet. Nach der Lesung berichtete sie, dass hier über die Stalin-Zeit recht wenig bekannt sei; sie habe mit Recherchen begonnen. Reisen haben sie nach Russland, nach Moskau und Kasachstan geführt, wo sie mit Überlebenden aus Arbeitslagern gesprochen und in Archiven recherchiert habe. 2010 sei das gewesen, damals seien die Archive noch offener und zugänglicher gewesen. Heute sei das anders. „Ich recherchiere für meinen neuen Roman in und über Tschernobyl“, erzählte Borrmann. „Informationen zu bekommen ist heute schwieriger als vor drei Jahren.“ Der von Gorbatschow begonnene Prozess der Öffnung kehre sich um: „Sie schließen viele Archive“, bedauerte Bormann.

Auflösung in der Gegenwart?

Der Enkel des Geigers lebt 2008 in Köln. Unerwartet bekommt er einen Anruf von seiner Schwester, die er seit Kindertagen nicht mehr gesehen hat. Auf ihren Wunsch reist er nach München, doch bevor sie miteinander sprechen können, wir sie erschossen.
Trotz der bedrückenden und beklemmenden Stimmung fesselt Der Geiger mit seinem tragischen Schicksal Leser und Zuhörer.
Mechthild Borrmann entlässt die Zuhörer aus der Alten Kapelle mit der Frage: Was wird der Enkel über seine Großeltern und den Verbleib der Geige herausfinden?
Ein empfehlenswerter Roman.
Mehr zum Roman „Der Geiger“ von Mechthild Borrmann

Für Elippse schreibt Rita Maria Fust

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