Dieses Modell der geplanten Gesamtschule, die auf dem Standort der jetzigen Pestalozzischule entstehen soll, hatten die Stuttgarter Architekten am Montag mit nach Lippstadt gebraucht. Foto: Sabine Hense-Ferch

Gesamtschule: Mehrheit für den Neubau zeichnet sich ab

Wird das neue Schulgebäude wenigstens 2016 endlich bezugsfertig sein? Wie soll für die wachsende Schülerschaft die Übergangszeit im Provisorium Stadtwaldschule gestaltet werden? Fragen, die der Schulgemeinde der Gesamtschule seit Wochen Sorgen bereiten – und Anlass gaben für eine sehr gut besuchte Podiumsdiskussion mit Vertretern von Stadt und Rat am vergangenen Dienstagabend.

Die Nachrichten der vergangen Wochen waren für die Eltern und Lehrer der Gesamtschule Lippstadt schwer zu verdauen: Erst sollte der Neubau zügig erstellt werden, dann kam es wegen der hohen Baukosten erneut zu Verzögerungen. Nun stand sogar der für die letzte Sitzung vor den Sommerferien geplante Ratsentscheid für den Baustart auf der Kippe. Um Klarheit in die Standpunkte zu bringen, hatten Gesamtschulleiter Ludger Montag und Schulpflegschaftsvorsitzende Martina Osburg am Dienstagabend eingeladen: Rund 200 Eltern folgten der Einladung in die damit voll besetzte Turnhalle der Schule ebenso wie fünf der insgesamt sieben im Rat der Stadt vertretenen Parteien. Professionell moderiert wurde die Veranstaltung von Klaus de Vries, Leiter der Gesamtschule in Fröndenberg und als solcher voll im Thema.

Schule im Provisorium – Umzug immer wieder verschoben

Fachbereichsleiter Manfred Strieth resümierte zu Beginn der Veranstaltung die Entwicklung: Die Gesamtschule – 2010 mit dem ersten Jahrgang an den Start gegangen und inzwischen 360 Kinder stark – sollte nach den ursprünglichen Plänen der Stadt schon im kommenden Jahr in ein neues Gebäude ziehen. Der derzeitige Standort in der ehemaligen Stadtwaldschule sprengt schon jetzt die Grenzen, das Schulgebäude selbst ist bereits in diesem Schuljahr voll ausgelastet, das Aufstellen von Pavillons und die Nutzung der benachbarten Grundschule schaffen nur geringfügig Entlastung. Zweimal war ein geplanter Umzug im Laufe der vergangenen drei Jahre aus verschiedenen Gründen verschoben worden. Schließlich einigte man sich auf den neuen Schulstandort an der Ulmenstraße (jetzt noch Pestalozzischule), ein Architektenwettbewerb brachte den Siegerentwurf. Zwischenzeitliches Aufatmen in der Schulgemeinde, doch vor wenigen Wochen hieß es, aufgrund der gestiegenen Baukosten sollten alle Planungen noch einmal überdacht werden.
Vorläufig letzter Stand der Dinge: Erst voraussichtlich 2016 soll die Schulgemeinde in das neue Schulgebäude ziehen, zwei Jahre später als eigentlich geplant. Zwischenzeitlich wurde von Seiten der Architekten neu gerechnet und einige Abstriche am Gebäude (Keller, Flure) gemacht, um auf diese Weise 700.000 Euro einzusparen. Schulleiter Ludger Montag: „Wir haben nicht am pädagogischen Konzept gespart und können mit diesen Änderungen leben“.
Nun muss die Schule mit dem Übergangsstandort in der ehemaligen Stadtwaldschule – hier fehlen Toiletten ebenso wie Fachräume für die Naturwissenschaften, eine große Mensa und Räume für die Gestaltung des Ganztags – aber noch voraussichtlich drei Jahre auskommen.

Parteiengezänk wie im Wahlkampf

Eigentlich waren sich schon nach der Vorstellungsrunde alle Beteiligten einig: Man wolle eine schnelle Entscheidung in der Ratssitzung am kommenden Montag, damit die Schule zügig fertiggestellt werden könne, schließlich habe Lippstadt durch die Gesamtschule ein Bildungsangebot, das seinesgleichen in der Region suche (Wilhelm Börskens, CDU). Es sei bedauerlich, dass durch die Prüfrunde zwei Monate verloren gegangen seien und man wolle vermeiden, dass der gute Ruf der Schule leide (Ursula Jasperneite-Bröckelmann, Die Grünen). Es handle sich um einen hervorragenden pädagogischen und architektonischen Entwurf, nun sei es nötig, die Bedingungen für die Übergangszeit zu gestalten (Theodor Kremer, BG). So weit, so gut. Aber im weiteren Verlauf der Diskussion taten sich dann doch Differenzen auf: Während Kremer das Vorgehen der Verwaltung verteidigte, schließlich sei man bei einer solchen Summe dem Steuerzahler gegenüber in der Pflicht genauestens zu prüfen, versprach der Vertreter der Linken, Klaus Marke, eine gute Schule, schließlich sei die Stadt in der Bringschuld. Worauf Hans-Joachim Kayser (SPD) schimpfte: „Typisch Linke, die versprechen grundsätzlich alles und erhöhen dann die Steuern, damit es auch bezahlt werden kann“. Und schon zeigte sich: Eigentlich waren die Parteien schon mitten im Wahlkampf.

Geschickte Moderation rettete die Veranstaltung

Dass die Veranstaltung an dieser Stelle nicht vollends in parteipolitisches Gehake kippte, dafür sorgte die geschickte Moderation von Klaus de Vries: Schulleitung und Eltern kamen nun zu Wort und sollten aus ihrer Sicht die Sorgen und Nöte während der Übergangszeit im „Provisorium“ Stadtwaldschule schildern: Ein Vater des ersten Jahrgangs, Reinhold Brockmann, sprach vor allem die Ängste an, dass die Kinder in den wichtigen Naturwissenschaften nicht ausreichend unterrichtet werden könnten und verwies darauf, dass schließlich auch das Aufstellen von Pavillons und anderen mobilen Lösungen in der Übergangszeit Geld koste: „Je länger sich der Umzug verzögert, desto teurer wird auch das“. Naturwissenschaften-Lehrer Björn Horstmann gab ihm recht: Es fehle an vielen Dingen, die für einen zeitgemäßen Unterricht nötig seien, von einer regelbaren Stromversorgung über eine Gasabzugsanlage bis zur Verdunkelung. So könnten die Kinder nicht selbst experimentieren, sondern nur zuschauen. Der stellvertretende Schulleiter Thomas Luerweg sprach die unzureichende Versorgung mit Toiletten und Aufenthaltsmöglichkeiten an: „Vermutlich haben wir nun auch bald auch noch Dixi-Klos hier stehen“, so der Pädagoge. Auch fehlende Spiel- und Ruhemöglichkeiten für Kinder, die hier acht, neun Stunden am Tag verbringen, seien problematisch: „Wir brauchen Platz für Ruhe – aber auch für Auslauf. Das ist nicht zum Nulltarif zu haben“.
Elternsprecherin Martina Osburg verwies auf das große Bemühen der Schulleitung, trotz der schwierigen Aufbauphase in kurzer Zeit viel erreicht und eine gute Atmosphäre in der Schule geschaffen zu haben: „Die Kinder gehen gern hierher und fühlen sich hier wohl“. Damit einher ging der Appell an den Rat, am kommenden Montag endlich grünes Licht für den Neubau des Schulgebäudes an der Ulmenstraße zu geben.

Autorin: Sabine Hense-Ferch redaktion-lippstadt.de