Lieber zukünftiger Kämmerer,

wir haben gerade eben noch einmal in den Briefkasten geschaut. Leer. Wieder keine Post von Dir. Nicht mal eine E-Mail. Vielleicht traust Du Dich ja nicht, Dich bei uns in der Fairtrade– und Hansestadt Lippstadt zu bewerben. Verstehen könnten wir es ja. Aber wir wollen Dir mal ein bisschen Mut machen, denn so schlimm ist es in unserer Stadt eigentlich gar nicht. Sicher, Dein Job wird kein leichter sein. Uns diese fiese Zinswette vom Hals schaffen zu müssen ist sicher ein schwerwiegender Grund Deiner Zurückhaltung. Dein Vorgänger hat zwar phantastische Arbeit geleistet, um den Schuldenberg abzutragen, aber einen Rest musst Du wohl doch noch selbst auslöffeln. Und viel Spielraum um Dich bei uns mit netten kleinen Begrüßungsgeschenken beliebt zu machen, wirst Du auch nicht haben. Brauchst Du auch nicht. Ehrlich, wir erwarten das gar nicht. Hauptsache, Du entscheidest Dich für uns.

Voller Erwartung werfen wir einen Blick in den Kasten - wieder nix! Foto: Elippse
Voller Erwartung werfen wir einen Blick in den Kasten – wieder nix! Foto: Elippse

Also, lieber künftiger Kämmerer. Wir waren dabei stehen geblieben, Dir zu sagen, wie nett es hier eigentlich ist. Weißt Du: Wir haben hier eine tolle Stadt mit vielen netten und interessanten Leuten. Zum Beispiel Designer und Unternehmer, begnadete Physiotherapeuten, einen bekannten Comedian, eine aktuelle WM-Qualifikantin die gerade in Bayern trainiert, eine ehemalige Olympionikin im Kanu-Slalom, die hier geblieben und ein ehemaliges Mitglied der Fußball-Nationalmannschaft, das dauerhaft nach Bayern auswandert ist.

Hier kann man am Wochenende Paddeln gehen auf der Lippe, man braucht noch nicht mal ein richtiges Boot, wie unser Bürgermeister, der im selbstgebastelten Pappboot  die Regattastrecke auch gern kopfunter nimmt. Wir haben im Sommer einen prima Badestrand und im Winter kann man mal eben die Skier aufs Dach packen und ins Sauerland fahren. Wir sind sowieso sehr naturverbunden, das sieht man auch daran, dass wir Campingmetropole sind. Wir haben nicht nur zwei Campingplätze am Albers– und Margaretensee und zusätzlich noch zwei Wohnmobilstellplätze: Bei uns findet sogar die weltweit einzige Uni im Zelt statt.

Wir sind auch innovativ: Bei uns wird so viel gebaut, dass wir gar keine Geschwindigkeitsbegrenzung in der Stadt mehr brauchen und sogar Moutainbike-Buckelpisten in den Zufahrtsstraßen zur Innenstadt haben, E-Mobilität ist in Lippstadt auch ein Riesen-Thema. Bei uns gibt’s sagenhaft guten Cappuccino, selbstgebrautes Bier, tolle Cocktails, köstliche Prinz-Karl-Torte nach Geheimrezept – und selbstgebackene Cupcakes. Im Sommer machen die Männer sich fast jedes Wochenende besonders schick, tragen ein grünes Sakko mit passendem Hut und schießen so lange auf einen Holzvogel, bis nur noch Späne übrig sind. Dabei trinken sie meistens Unmengen Bier. Das ist eine schöne Tradition. Wenn Du ein Mann bist, lassen sie Dich bestimmt mitmachen, wenn Du magst. Im Oktober feiern wir eine Woche lang Kirmes, sogar die Soester kommen uns dann manchmal heimlich besuchen, wenn sie es einfach nicht mehr abwarten können, bis ihre Allerheiligenkirmes endlich anfängt.

Wir brauchen einen Kümmerer. Ääh, Kämmerer. Foto: Elippse
Wir brauchen einen Kümmerer. Ääh, Kämmerer. Foto: Elippse

Also, lieber künftiger Kämmerer. Schick uns ruhig Deine Bewerbung. Wir wissen, es gibt Dich irgendwo und Du zögerst noch. Solltest Du einen Migrationshintergrund haben, sei beruhigt: Lippstadt ist eine tragende Säule des kommunalen Integrationskonzeptes, wir feiern Tage des ausländischen Mitbürgers und sind zu einem netten bunten Völkchen zusammen gewachsen. Auch wenn Du eine Frau bist, wirst Du es hier toll finden. Hier gibt’s tolle Geschäfte, Du kannst super Shoppen gehen, findest ein prima Kultur- und Sportprogramm. Viele tolle Frauen leben hier und Du wirst bestimmt schnell Freundinnen finden, z.B. bei einem der Netzwerke oder Service-Clubs. Wenn Du Kinder hast: Wir kriegen demnächst sogar ein neues Schulgebäude für unsere Gesamtschule. Du musst das Geld dafür nur noch locker machen und darfst nicht wieder so viel in der Schweiz verzocken. Solltest Du jüdischen oder muslimischen Glaubens sein: Beim Friedensgebet der Religionen beten nicht nur Protestanten und Katholiken gemeinsam. Hier kannst Du Musik machen, eine Band gründen, vielleicht sogar mal beim Kneipenfestival auftreten. Nur eines solltest Du nicht: Meckern, jammern, nörgeln. Davon haben wir hier nämlich genug.

Also lieber zukünftiger Kämmerer. Du siehst: Wir finden es ganz schön hier und schreiben auch öfters mal über die schönen Seiten von Lippstadt. Das ist übrigens auch ein Grund, warum wir Elippse gegründet haben. Ach so, noch mal zu Dir: Es wäre natürlich auch gut, wenn Du nicht nur Jura studiert hättest – ob mit oder ohne Befähigung zum Richteramt. Prima wäre auch, wenn Du Dich auch wenigstens ein kleines bisschen mit Geldanlagen auskennen würdest. Und eine gute Portion Humor und Weltoffenheit könnten auch nicht schaden.
Wie gesagt: Wir freuen uns auf Deine Bewerbung. Und andere sicher auch. Wir hören uns einfach mal um, was andere Lippstädter so sagen, einverstanden?

Deine Elippse-Redaktion
Sabine Hense-Ferch und Christoph Hermsen

Liebe Lippstädter: Was soll den zukünftigen Kämmerer nach Lippstadt ziehen? Wir freuen uns auf Eure Kommentare (s. u.), Ideen, Angebote.

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Ein Gedanke zu “Lieber zukünftiger Kämmerer,

  1. Mitteilung: Lieber Kämmerer, im kommenden Frühjahr kannst du die Lippstädter Historie nicht nur in den vielen Geschichtsbüchern der Stadt lesen, sondern auch in einem historischen Roman, der viele Einblicke in das Lippstadt des 18. Jahrhunderts gibt. Es war damals eine ganz aufregende Zeit …

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