Da fragt man sich doch: Trägt die Helle Halle ihren Namen zu recht? Foto: Sabine Hense-Ferch

Warum der Juchaczstraße die Marie fehlt

Straßennamen in Lippstadt – ein Vortrag von Stadtarchivarin Dr. Claudia Becker

Jahrhunderte lang hat man Straßen nicht offiziell benannt; es hat sich einfach so im Sprachgebrauch entwickelt: nach Himmelsrichtungen, nach den Stadttoren, nach den Kirchplätzen, nach Klöstern, Kirchen und nach alten Marktorten. Auch sind Ehrungen lokaler Persönlichkeiten – wie z. B. Bürgermeister Kale: Kahlenstraße – und Ansiedlungen von Gewerbe und Handwerk – z. B. Fleischhauerstraße, Schumacherstraße – namensgebend gewesen. Stadtarchivleiterin Dr. Claudia Becker berichtete in der Sitzung des Gleichstellungbeirates am gestrigen Dienstag über Lippstädter Straßenbenennung: Es sei ein sehr reizvolles Thema, das viel über das Profil und Identität einer Stadt aussage, so Dr. Becker.

Da fragt man sich doch: Trägt die Helle Halle ihren Namen zu recht? Foto: Sabine Hense-Ferch
Da fragt man sich doch: Trägt die Helle Halle ihren Namen zu recht? Foto: Sabine Hense-Ferch

Ab 1900 wurden die vorhandenen Straßennamen aufgelistet und somit amtlich: Grund zur Umbenennung von Straßen seien meist Veränderungen des politischen Systems, wovon es in Deutschland viele gab: Kaiserzeit – Weimarer Republik – NS-Zeit – BRD. Gegenbeispiel: In den USA seien Umbenennungen ganz selten: Zum einen gebe es dort ein relativ stabiles politisches System, zum anderen seien viele Straße einfach durchnummeriert. In Deutschland nutzte man Straßennamen sowohl zur Ehrung besonderer Verdienste innerhalb eines Regimes als auch zur Entehrung des vorherigen Systems.
Vielleicht das bekannteste Beispiel: Am 20.3.1933 wurde die Lange Straße in Adolf Hitler Straße umbenannt und zwischen Mai 1945 und Februar 1946 wieder „zurück benannt“ in Lange Straße. Etwas anders verhält es sich bei der heutigen Rathausstraße. In ganz frühen Zeiten hieß sie Schomaker Straße, eben weil dort viele Schumacher ansässig waren. Später wurde sie in Judenstraße umbenannt, weil dort zwei Judenfamilien lebten. 1933 wurde die Straße in Rathausstraße umbenannt. Es sei kein Antrag bekannt, der fordere, dass nach Kriegsende die Rathausstraße wieder in Judenstraße zurück benannt werde, so Dr. Becker.
Seit 1921 werde der Heimatbund gebeten, Vorschläge zur Straßenbenennung zu machen, berichtet  Dr. Marlies Wigge, 1. Vorsitzende des Heimatbundes. Sie sei die erste Frau in dieser Position und ob und inwieweit ihre Vorgänger sich bemüht hätten, Lippstädter Straßen nach Frauen zu benennen, sei ihr nicht bekannt.

Wenn man allerdings schaut, wie wenig Straßen nach Frauen benannt sind, spricht es eine recht deutliche Sprache. Lippstadt sei dicht bebaut und so könne man nicht in einem Viertel, das z. B. Baumnamen aufgreift, Frauennamen etablieren. Es blieben also nur die „Mini“-Straßen und – so hofft Frau Dr. Wigge – Straßen in Neubaugebieten.
Nur ein ganz kleiner Teil der Lippstädter Straßen sei nach Frauen benannt und oft könne man nicht nachvollziehen, welche denn gemeint sei: Adelheidstraße nannte Frau Dr. Wigge als Beispiel. Welche Adelheid? Merkwürdig sei bei der Juachcz Straße, dass der Vorname – Marie – gestrichen wurde, aber Straßennamen wie Dr. Wilhelm Röpke Straße bewiesen, dass Vornamen und sogar Titel kein Problem bei der Benennung darstellen.

Für die Politikerinnen wurde während der Sitzung des Gleichstellungsbeirats deutlich, dass die Problematik der Namensgebung in den Fraktionen besprochen und sich mit dem Procedere der Namengebung auseinander gesetzt werden muss, damit zum richtigen Zeitpunkt adäquate, dem Genderaspekt entsprechende Vorschläge gemacht werden können.
Denn: In Zukunft sollen mehr Frauen als Namensgeberin für Lippstädter Straßen geehrt werden!

Daniela Franken als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lippstadt wies zum Schluss noch auf die Veranstaltung „Frauen leben länger – aber wovon?“ hin, die am 15. November stattfindet.
Der Eintritt ist frei!

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